Über das schwierige Verhältnis zwischen den Luxemburgern diesseits und jenseits der Grenze – Eine Liebeserklärung

Guy Kirsch

Gesichter.
Gesichter vor fremdländischem Hintergrund.
Fremde Gesichter.
Fremde Gesichter?
Wohl nicht.

Dem aufmerksamen Auge kann nicht entgehen, dass die in diesem Band Porträtierten etwas gemeinsam haben. Durchwegs sind es die Gesichter eines nüchternen Geschlechts, eines Geschlechts, das aus Erfahrung weiss, dass die Welt zwar nichts schenkt, sich aber einiges abringen lässt. Aus den Bildern blicken uns keine Träumer und Schwärmer entgegen; offenkundig haben wir es mit Menschen zu tun, die auf das Machbare hin arbeiten. Ein nüchternes Geschlecht also, das wohl Hoffnungen, aber kaum Illusionen hat, das pragmatisch Erfolge anstrebt und nüchtern die Möglichkeit von Misserfolgen in Rechnung setzt, ein Geschlecht auch, das vielleicht die Zufriedenheit, aber nicht die Selbstzufriedenheit kennt. Es sind Menschen, die um die Ungesichertheit in einer unsicheren Welt wissen und sich trotzdem nicht an den Zweifel um des Zweifels willen verlieren.

Keine Frage: Wir haben die Bilder von Luxemburger vor uns, genauer: von Luxemburger im Ausland.
Beides ist nicht zu übersehen. Wir haben es wohl mit Luxemburgern, doch mit Auslandsluxemburgern zu tun. Nicht nur, dass das Ambiente, in dem die Abgelichteten posieren, in vielen Fällen exotisch oder weltstädtisch, allemal aber nicht luxemburgisch ist. Die Menschen selbst wirken, trotz aller Gemeinsamkeiten mit den Luxem- burgern im Lande, wo nicht fremd, so doch anders. Es sind die Gesichter von Menschen, deren Lebensge- schichten sich offenkundig in Bezügen abspielen, die von jenen verschieden sind, die das Leben zwischen Ölwen und Römmleng, zwischen Iechternooch und Beekerich prägen.

Man schaut in diese Gesichter und man sieht wohl nicht vertraute Fremde, aber irgendwie fremdgewordene Ver- traute, gleichsam Familienmitglieder, die man – sie waren schon aus den Augen verloren und fast vergessen – wiedersieht und dabei, erfreut, aber auch irritiert, feststellt, dass sie immer noch zur Familie gehören.

Eigenartig: Die Ausländer in Luxemburg sind sehr sicht- bar; doch die Luxemburger im Ausland leben und arbeiten weitgehend ausserhalb des Blickfeldes der Inlands- luxemburger. Eigenartig auch: Das Verhältnis zu den Ausländern in Luxemburg wird nicht nur als Tatsache wahrgenommen, sondern auch zum einen als Chance angenommen und zum anderen als Problem empfunden; das Verhältnis der Inlandsluxemburger zu ihren Lands- leuten im Ausland hingegen wird kaum als Problem genannt, selten als Chance erkannt, ja recht häufig nicht einmal als Tatsache gesehen.

Gewiss, viele Luxemburger, die im Ausland leben, haben private Beziehungen zu Freunden und zu Verwandten, die im Lande geblieben sind. Doch heisst dies nicht, dass sie auch in der nationalen Öffentlichkeit von Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur präsent sind; sie sind es nicht. Dies ist verständlich; die Frage ist, ob es auch verständig ist.

Es ist deshalb verständlich, weil sich die individuellen Lebensgeschichten, die im Ausland spielen, notwendiger- weise in weiten Teilen von jenen unterscheiden, die im Inland spielen. Entsprechend schwierig ist es, diese beiden Arten von Ich-Lebensgeschichten so miteinander zu verbinden, dass, jenseits von persönlich-privaten Beziehungen, im öffentlichen Raum ein Untereinander, ein Miteinander, kurz: eine Wir-Geschichte möglich wird. Die Auslandsluxemburger und die Inlandsluxemburger verstehen sich nur schwer; und weil dem so ist, versuchen sie häufig nicht einmal, sich etwas zu sagen bzw. einander zuzuhören. Nur dort, wo die verwandtschaftliche Nähe oder die Gefühle der Freundschaft und der Liebe eine Brücke zwischen Einzelnen offengelassen haben, gehen jene, die innerhalb, und jene, die ausserhalb der Landesgrenzen leben, aufeinander zu: Im privaten Raum mag man sich treffen, im öffentlichen Raum sucht man gemeinhin nicht einmal die Begegnung.

Das heisst nun nicht, dass zwischen jenen, die ins Ausland gegangen sind, und jenen, die im Lande geblieben sind, keinerlei Verbindung besteht. Auch Auslandsluxemburger sind Luxemburger; als Auslandsluxemburger treten sie zwar in der Öffentlichkeit des Landes kaum in Er- scheinung, doch irgendwie ahnt diese nationale Öffent- lichkeit etwas von der Existenz der Auslandsluxemburger. Und: Mögen Auslandsluxemburger auch im Ausland leben, so ist Luxemburg – eingestandenermassen oder nicht – nicht selten die vielleicht alte, aber immerhin die Heimat. Beide Seiten haben einander gleichsam im
Hinterkopf; doch wissen beide kaum sehr viel voneinander.

Und weil sie nicht viel voneinander wissen, ist es für jede Seite ein Leichtes, die jeweils andere als Projektionsfläche für die eigenen Sentiments und Ressentiments zu benutzen. So scheinen jene, die im Lande leben, nicht selten jene, die das Land verlassen haben, mit einer wider- sprüchlichen Mischung von Neid und Mitleid, Zuneigung und Aggressivität, Annäherung und Abwehr, Bewun- derung und Ablehnung wahrzunehmen. Und die Auslands- luxemburger ihrerseits träumen sich – gleichfalls nicht selten – in das Land ihrer Kinder- und Jugendjahre zurück und betonen auch dann, wenn sie die alte Heimat im verklärten Licht der Erinnerung wahrnehmen, schon mal laut, verdächtig laut, in Luxemburg könnten und wollten sie nicht mehr leben.

Es gibt also durchaus eine Verbindung zwischen den Inlands- und den Auslandsluxemburgern; nur ist diese Verbindung unterschwellig und ambivalent: Die Inlands- luxemburger lassen jene nicht los, die sie abweisen, und sie nehmen jene nicht an, die sie festhalten. Und die Auslandsluxemburger ihrerseits können sich nicht von jenen, die sie verlassen haben, lösen und doch finden sie nicht dorthin zurück, wo ein Teil ihres Selbst geblieben ist.

Mit anderen Worten: Das Verhältnis der Inlands- und der Auslandsluxemburger ist gleichzeitig durch eine latente Vertrautheit und eine offene Fremdheit geprägt. Die Vertrautheit wird laufend in Frage gestellt und die Fremd- heit immer wieder desavouiert: Jene, die sich wechsel- seitig nahe wähnen, machen regelmässig die frustrierende Erfahrung, dass sie einander fern und fremd (geworden) sind. Und jene, die sich mit der Fremdheit abgefunden haben, machen immer wieder die Erfahrung, dass da noch ein Rest, vielleicht auch nur der geheime Wunsch nach Vertrautheit ist.

Dies alles ist nur zu verständlich; doch ist es auch bedenklich. Denn dort, wo sich die Luxemburger im Land und jene im Ausland wechselseitig als Projektionsfläche für die eigenen Träume, Hoffnungen, Erinnerungen und Sehnsuchtsphantasien gebrauchen, können sie sich recht eigentlich nicht begegnen. Die Projektionsflächen ver- stellen den Blick auf die lebendigen Menschen, und die Bilder, die sich die Luxemburger vom Leben diesseits und jenseits der Grenzen ausmalen, haben gemeinhin mehr mit den eigenen Sentiments und Ressentiments als mit jener Wirklichkeit zu tun, die angeblich dargestellt wird. Kein Wunder also, dass beide Seiten sich vielleicht suchen, aber kaum finden, dass beide Seiten auch sich eher verleugnen als vergessen.

Die Folge ist, dass das Verhältnis zwischen den Auslands- und den Inlandsluxemburger im Tiefsten nicht nur span- nungsgeladen, sondern in nicht seltenen Fällen geradezu verspannt ist: Eine Spannung, die konstruktiv genutzt werden könnte, wird hier eher destruktiv erlitten.

Dies zu ändern wäre sinnvoll; und zwar für die Luxemburger diesseits und jenseits der Landesgrenzen. Jene ausserhalb des Landes könnten, indem sie ihre Welt- und Lebenserfahrung in das nationale Gemeinwesen einbringen, ein Stück Heimat zurückgewinnen. Und jene innerhalb der nationalen Grenzen könnten leichter aus dem Zirkel von nationalem „common wisdom“ und begrenzten Partikularegoismen ausbrechen und so vermeiden, dass die allen gemeinsame „Heemecht“ ein Opfer der Globalisierungsdynamik wird.

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