Mit Gleichmacherei gegen den Neid?

(NZZ – WIRTSCHAFT – Samstag/Sonntag, 6./7. März 1999, Seite 21)

English version: Envy and Egalitarianism

«Gleichheit am Anfang (Startgleichheit) kann man im Namen der Gerechtigkeit fordern, Gleichheit am Ende nur im Namen des Neides. Jedem das Seine, fordert die Gerechtigkeit, jedem das Selbe, der Neid: . . . Lieber alle gleich arm, als alle reich, aber einige noch reicher.»
Alexander Rüstow

Wohl schon lange bevor die moderne «political correctness» dazu geführt hat, in der wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Debatte bestimmte Themen völlig auszublenden, ist der Neid als Motor der Wirtschaft weitgehend übersehen und als Inspiration der Politik praktisch völlig tabuisiert worden. Das hat damit zu tun, dass die Ökonomie sich nur wenig mit den psychologischen Ursachen des Handelns der Menschen beschäftigt und dass es von breiten Kreisen der Bevölkerung als unfein, ja als polemisch angesehen wird, politische Strömungen mit Neid zu erklären und hinter edlen Etiketten etwas weniger edle Motive zu vermuten. Dazu kommt, dass Neid eine Emotion ist, auf die man nicht stolz ist, die man verdrängt und versteckt. Neid wird in praktisch allen Kulturen und Sprichwörtern, in allen Märchen und Mythen verurteilt.

Dennoch besteht kein Zweifel, dass Neid, wie Helmut Schoeck in seinem Klassiker «Der Neid. Eine Theorie der Gesellschaft» und Gonzalo Fernandez de la Mora in «Der gleichmacherische Neid» seinerzeit brillant dargelegt haben, eine weltweit verbreitete menschliche Eigenschaft ist – zumindest dort, wo Knappheit herrscht – und eine zentrale Rolle in jeder Gesellschaft spielt, ja spielen muss. Die Psychologin Verena Kast etwa vertritt die Auffassung, dass es in einer Gesellschaft, in der Neid zu sehr vermieden würde, zu einem Entwicklungsstillstand käme; alles werde dann nivelliert, und die Menschen wagten es nicht mehr, in irgendeiner Weise hervorzustechen. Viele Entwürfe für die Ordnung des Zusammenlebens zielen allerdings darauf ab, vor allem den Besitzneid, also die Neigung, einen Wohlstandsvorsprung bei anderen als negativ zu betrachten, auch wenn er den eigenen Wohlstand nicht schmälert, zu überwinden und eine mehr oder weniger neidfreie Gesellschaft zu konstruieren.

Die ohne Zweifel verheerendste Form des Versuchs zur Ausschaltung des Neids ist dabei der Egalitarismus, also das Bemühen, den Neid durch Reduktion oder gar völlige Abschaffung von Vermögens- und Einkommensunterschieden zu bewältigen. Nicht umsonst hielt sogar Marx einmal die erste Phase des Kommunismus für den Ausdruck von Neid. Meist kommt dieser Kollektivneid jedoch unter dem Titel der «sozialen Gerechtigkeit» daher. Dahinter steht letztlich die Hoffnung, man könne Gesellschaften mittels Umverteilung so gestalten, dass die Menschen den Neid gänzlich verlieren. Weil Neid nicht nur beim Neider, sondern auch beim Beneideten ein ungutes Gefühl – in Form eines schlechten Gewissens – produziert, ist die Bereitschaft zur Umverteilung durch alle Arten von «punitive taxes» bis hin zu eigentlichen Neidsteuern entsprechend gross. Allerdings dürfte diese Strategie der Neidüberwindung insofern kontraproduktiv sein, als die Erfahrung zeigt, dass kleine Unterschiede den Neid mehr anstacheln als grosse Diskrepanzen. Der Neid richtet sich in der Regel auf das Erreichbare. Nicht von ungefähr zeigen Untersuchungen, dass Wettkämpfer, die auf dem zweiten Platz landen, unzufriedener sind als Inhaber des dritten Platzes. Für die einen war der Sieg in Griffnähe, für die anderen doch schon etwas weiter entfernt. Zu bedenken gilt es auch, dass bei steigendem Wohlstand der Neid grösser wird. Solange es um die Befriedigung von Grundbedürfnissen geht, steht das eigene Wohlergehen im Vordergrund. Neid dagegen will, dass es dem andern nicht besser geht. Damit wird Umverteilung als Strategie der Neidbeschwichtigung zur Sisyphusarbeit.

Es mutet fast ein wenig paradox an, dass ausgerechnet jene, die den Neid überwinden wollen, also die Ideologen und Parteien des Egalitarismus, sich gleichzeitig als die grössten Neidagitatoren erweisen und mit Vehemenz gegen jegliche Ungleichheitstoleranz antreten. Das permanente Thematisieren der Unterschiede sowie die Gleichsetzung von Ungleichheit mit Ungerechtigkeit, das Wettern gegen das «faule Kapital», all das schürt das Neidgefühl. So basiert denn der Neid heute wohl mehr als früher nicht auf unmittelbaren Erfahrungen mit Menschen aus nächster Nähe, sondern auf ideologischen Vorurteilen, auf Abstraktionen wie etwa «die Reichen», «die Kapitalisten» oder «die Spekulanten» sowie auf durch viele Medien frei Haus gelieferten Zerrbildern. Schoeck verweist unter anderem auf Untersuchungen, wonach der durchschnittliche Wähler gegenüber sehr grossen Einkommen kaum einen konkreten Neid spüre. Auch die Werbung dürfte im übrigen mit ihrer Verherrlichung des Luxuskonsums ungewollt in mancherlei Hinsicht den Neid anstacheln.

Es gäbe indessen, sofern man den zum Teil künstlich geschürten Neid überhaupt unbedingt überwinden und reduzieren will, wohl weniger problematische und gesamtwirtschaftlich weniger schädliche Möglichkeiten der Neideindämmung als die Umverteilung. Jahrhundertelang wirkten etwa die Religionen neiddämmend; anders basierte Wertesysteme könnten heute eine ähnliche Funktion erfüllen. Auch die Umwandlung des Neids in Bewunderung ist natürlich, wo dies gelingt, weit fruchtbringender als der rohe, nicht kanalisierte Neid oder seine nur vermeintliche Überwindung durch Gleichmacherei. Nicht zu vergessen ist ferner die helvetische Tugend des Understatements, also des Versuchs, Lebensstile nicht sichtbar zu machen und jegliches Konsumverhalten, das Neid provozieren könnte, zu vermeiden. Zur Mässigung des Neides kann schliesslich auch eine Gesellschaft beitragen, in der die verschiedensten Aufstiegschancen nicht alle miteinander verknüpft sind, in der also politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Erfolg nicht zu sehr Hand in Hand gehen. Der real existierende Sozialismus hat, weil totalitär, diese Möglichkeit nie geboten. In möglichst dezentralen und pluralistischen Ordnungen gibt es demgegenüber unzählige Möglichkeiten des Aufstiegs, der Positionierung.

Der bei weitem sinnvollste, einer offenen Gesellschaft am ehesten entsprechende gesellschaftliche Umgang mit Neid ist es, ihn zum Motor des Fortschritts zu machen. Neid zielt in der Regel darauf ab, dass es anderen schlechter gehen soll. Das ist seine destruktive Seite. Er kann aber auch dazu führen, es den anderen, Bessergestellten, gleichtun zu wollen. Das ist die konstruktive Seite des Neids. Verschiedene Autoren nennen diese positive Ausprägung des gleichen Verhaltens eher «Wetteifer», aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Neid dort, wo er zu Anstrengungen anspornt anstatt zur Zerstörung des Beneideten, sich letztlich positiv auswirkt.

Der gesellschaftliche Umgang mit Neid sollte daher nicht in Richtung Gleichmacherei zielen, sondern in Richtung Offenheit und Aufstieg. Nicht Neidsteuern sollten den Neid besänftigen, sondern das Versprechen, dass es bei gleicher Anstrengung und gleichem Glück jeder und jede in ähnlicher Weise «schaffen» kann. Dann wird Neid in den Worten des grossen Liberalen Bernard Mandeville vom «private vice» zum «public benefit». Verschiedentlich wird behauptet, Neid sei nicht in allen Kulturen und Weltregionen gleich ausgeprägt; bei genauerem Hinsehen scheint es indessen eher so, dass Neid überall gleich verbreitet ist, die einzelnen Gesellschaften jedoch mit dem Neid unterschiedlich umgehen. Das gilt auch für den Vergleich zwischen real existierenden Wirtschaftsordnungen. «Entneidung» durch Nivellierung bleibt eine auf einem unrealistischen Menschenbild basierende, letztlich schädliche Strategie. Die Nutzung des Neids als Motor der Wirtschaft ist demgegenüber eine realistische liberale Antwort.

G.S.

NZZ Samstag/Sonntag, 6./7. März 1999, Seite 21

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