Folgenschwerer Neid

(NZZ – ÖKONOMISCHE LITERATUR – Freitag, 11. Mai 2001, Nr. 108, Seite 87)

Die Rolle in Gesellschaft und Wirtschaft

Von Daniel Brühlmeier

Seit Kain Abel erschlug bis hin zur massenmedial aufgepeitschten Diskussion um Manager-, Sportler- und andere Spitzensaläre oder bis zu jenem misslungenen Früchtchen eines Waadtländer Notabeln, der eine Entführung damit begründete, dass sein Opfer reich, arrogant und erfolgreich bei den Frauen war, gilt: Neid ist menschlich. Der gediegene Reader «Neidökonomie», hervorgegangen aus einem Seminar und einer Konferenz der Progress Foundation und herausgegeben von Robert Nef und Gerhard Schwarz, dem Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion, kommt keineswegs zur Unzeit. Nebst Referaten und modernen Klassikertexten versammelt er repräsentative Sprichwörter und Zitate zum Thema Neid aus verschiedenen Kulturen und Jahrtausenden.

Im magischen Dreieck von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit ist der Neid von grösster, aber meist tabuisierter Präsenz. Die Gerechtigkeit hat ungeheuer darunter gelitten, zu oft und zu sehr von neidgetriebenen Ideologien auf das Ziel der Gleichheit reduziert worden zu sein. Das Sensorium für positive Ungleichheit und Verschiedenheit, die sich aus freiem zwischenmenschlichem Wettbewerb, letztlich aus dem Urtrieb der individuellen Selbstverwirklichung ergibt, ist im Sog der Gleichbehandlung von allem und jedem, vor allem auch von Ungleichem, verloren gegangen. Verantwortlich dafür sind vor allem die Massenmedien: Sie haben aus einem ursprünglichen Kleingruppen-Phänomen, das primär an relativen lokalen Unterschieden und Defekten (Mangel an Selbstwertgefühl, so führen Helmut Schoeck und auch John Rawls in dem Band aus) und in der sozialen Gruppe seinen Ursprung nimmt (Schoeck und Ernst Fehr), etwas Globales und Abstraktes gemacht. Dies ist der jedem und jeder zugängliche Fern-, Fertig- und Serienneid (wie Gonzalo Ferna´ ndez de la Mora schön zeigt).

Die Bezüge des Neides zu Wirtschaft und Wirtschaftspolitik, Privateigentum und Steuerordnung sind offenkundig und vielfältig, wie das Buch verdeutlicht. Da realistischerweise eine Gesellschaft ohne Neid weder wünsch- noch realisierbar ist, geht es vor allem darum, ob und wie Neid eingedämmt werden soll und kann, von Seiten der Neider wie der Beneideten. Markt und Wettbewerb – also funktionierende liberale und bürgerliche Institutionen – können den Neid neutralisieren, ihn gar zum Motor des Fortschrittes machen. Wirtschaftlich und gesellschaftlich verheerend wird der Neid vor allem dann, wenn er politisiert wird und durch staatlichen Zwang Recht erlangen will (Erich Weede). Egalitaristische Ideologien bauen die Gesellschaft auf dem Neid auf und erheben diesen zu ihrem abstrakten Prinzip, ja gar zur sozialen Tugend (wie ein Zitat des sozialistischen Ökonomen Abba Lerner grell verdeutlicht). Paradoxerweise versprechen sie zumeist gleichzeitig die Utopie einer neidfreien Gesellschaft. Dagegen hält Helmut Schoeck in seinem «Neid», einem der grössten sozialwissenschaftlichen Werke des 20. Jahrhunderts, fest: Die Geschichte der Zivilisation ist das Ergebnis unzähliger Niederlagen des Neides.


Gerhard Schwarz, Robert Nef (Hrsg.): Neidökonomie. Wirtschaftspolitische Aspekte eines Lasters. NZZ-Verlag, Zürich 2000. 199 S., Fr. 48.–.

NZZ Freitag, 11. Mai 2001, Seite 87

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