Die Pflicht der Freiheit zur Wahrheit

(NZZ – WIRTSCHAFT – Freitag, 23. September 2005, Nr. 222, Seite 25)

Die Haltung des Vatikans gegenüber der Marktwirtschaft

Was kann man vom neuen Papst in Bezug auf die Sozialethik erwarten? Welche Haltung hat die katholische Kirche gegenüber der Marktwirtschaft? Diesen Fragen gingen die Vortragenden an der 21. Economic Conference der Progress Foundation nach.

gho. «Erwartungen an einen neugewählten Papst zu formulieren, hat naturgemäss etwas Unbescheidenes, aber auch etwas Faszinierendes», leitete der Ökonom und Wirtschaftsethiker Peter Koslowski (Freie Universität Amsterdam) seinen Vortrag im Rahmen der 21. Economic Conference der Progress Foundation in Zürich ein. Zusammen mit dem amerikanischen Religionsphilosophen und katholischen Theologen Michael Novak (American Enterprise Institute) spekulierte Koslowski darüber, welche Ausprägung die katholische Soziallehre unter Papst Benedikt XVI. annehme. Zudem setzten sich die Vortragenden ausführlich mit der Frage auseinander, welche Haltung die katholische Kirche gegenüber der Marktwirtschaft einnimmt. Bei ihren Ausführungen beschränkten sie sich vor allem auf päpstliche Positionen, die besonders in den Enzykliken zu sozialen Fragen ausgedrückt werden.

Das Recht auf unternehmerische Initiative

Novak ging zunächst in seinem Vortrag vor allem auf die Enzyklika «Centesimus Annus» von Johannes Paul II. ein, die 1991 erschien und unter dem Eindruck des Zusammenbruchs der kommunistischen Systeme in Osteuropa stand. Dabei unterstrich Novak, dass in diesem Lehr- Rundschreiben der Kurswechsel des Vatikans in der Anerkennung der freien Marktwirtschaft und eine Abkehr vom sogenannten Dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus erfolgten. In «Centesimus Annus» wird die Bedeutung der unternehmerischen Freiheit und Initiative betont. Der Mensch würde sich nicht nur verhalten, sondern auch bewusst und überlegt handeln. Zudem betrachtete Johannes Paul II. den Menschen als ein schöpferisches Wesen, das mit Hilfe von Wissen, Initiativgeist, Fähigkeit zur Kooperation und Kreativität Wohlstand erzeugt. Dem Recht auf unternehmerische Initiative wird aber die Pflicht, verantwortungsvoll zu handeln, beigestellt. Der jüngst verstorbene Papst befürwortete zwar den Kapitalismus, wies aber auch auf dessen Auswüchse hin. Eine freie Marktwirtschaft sollte deshalb von einem auf Freiheit basierenden Rechtsstaat und einem moralischen System umrahmt werden, das die Nutzung der individuellen Freiheit und der Kreativität in wohlstandsfördernde Bahnen lenkt.

Unterschiedliches Freiheitsverständnis

Koslowski strich hervor, dass die Enzyklika «Centesimus Annus» nicht so revolutionär sei. Schon in früheren Schreiben wurde dem Markt mit Einschränkung eine wichtige Rolle zugeordnet. Koslowski beschrieb dies als eine «Ja, aber»-Haltung gegenüber der Marktwirtschaft, die auch Johannes Paul II. vertreten habe. Er unterstrich aber, dass in «Centesimus Annus» der Wohlfahrtsstaat kritisiert wird, weil er gegen das aus der katholischen Soziallehre stammende Subsidiaritätsprinzip verstosse. Der übergeordnete Staat greife in die Aufgaben untergeordneter Gesellschaften ein. Laut Koslowski stimmen katholisches und liberales Freiheitsverständnis in der Wertschätzung der Freiheit überein, sie unterscheiden sich jedoch in der Sicht der Gefahren, die von der Freiheit ausgehen können. Nach der katholischen Soziallehre soll die Freiheit des Marktes der Pflicht der Freiheit zur religiösen Wahrheit unterworfen sein.

Erwartungen an den neuen Papst

Was ist von Papst Benedikt XVI. in Bezug auf die Soziallehre zu erwarten? Novak zeigte sich überzeugt, dass dieser das Werk seines Vorgängers fortsetzen werde. Weiter fügte er an, dass der neue Papst aufgrund seiner Verbundenheit mit der Theologie von Augustinus die menschliche Schwäche und die Sünde thematisieren werde. Dadurch sei er in der Lage, die «sündhaften» Tendenzen von Staaten und Unternehmen, die sich im Verfolgen von eigenen Interessen auf illegitime Weise auf Kosten von anderen äussern würden, zu analysieren. Novak fügte hinzu, dass der Wettbewerb ein Mittel sei, um menschliche Willkür zu beschränken.

Koslowski wies darauf hin, dass Benedikt XVI. skeptischer gegenüber der Freiheit als sein Vorgänger zu sein scheine. Besonders kritisch stehe er dem «Relativismus» gegenüber, der den Vorrang der Freiheit vor der Wahrheit bedeute. Mit Kardinal Ratzinger als neuem Papst werde die katholische Soziallehre mehr in Richtung «Aber» gehen. Koslowski merkte an, dass der Papst ein wichtiges Verbindungsglied zwischen Europa und den USA darstellen könnte. Er habe sich positiv zum amerikanischen Verständnis der Religionsfreiheit sowie zur Ausformung des Verhältnisses von Staat und Kirche in den USA geäussert. Aus der Sicht des Wirtschaftsethikers schloss Koslowski mit der Erwartung, dass sich die katholische Soziallehre wieder vermehrt mit der Analyse der sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten beschäftigen und sich von der Rhetorik der Sozialreform abwenden solle.

NZZ 23. September 2005, Seite 25

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