Krise der Werte

(NZZ – Samstag/Sonntag, 30./31. Januar 2010, Seite 1)

Die Wirtschaftskrise wurzelt in einer Werte-Krise: zu kurzfristiges Denken, ungenügend klare Haftung, Vernachlässigung des Kundennutzens, zu wenig Sorge um die politische Akzeptanz. Von Gerhard Schwarz

Man mag über das World Economic Forum (WEF) denken, was man will: Man kann es für einen Jahrmarkt der Eitelkeiten halten, für eine Schwatzbude von Weltverbesserern oder für ein einzigartiges globales Forum des Dialogs von Politik und Wirtschaft. Es ist wohl ein bisschen von allem. Als Seismograf der Interessen, Stimmungen, Hoffnungen und Befürchtungen der wirtschaftlich Mächtigen dieser Welt dürfte es aber ziemlich unübertroffen sein. In den vielen offiziellen Veranstaltungen, aber noch mehr in den Pausen, an den gesellschaftlichen Anlässen, in den Hotelhallen kann man der Managerkaste den Puls nehmen wie nirgendwo sonst. Ein Begriff, der in Davos dieses Jahr allgegenwärtig ist, ist der der Werte. Immer wieder kann man hören, wir durchlebten mehr noch als eine Finanz- und Wirtschaftskrise eine Werte- Krise. Diese Diagnose führen unzählige Leute im Munde, die damit nur schlecht ihre Absicht verbergen, endlich zeigen zu können, dass die zwar alles andere als freie, aber in ihrem Urteil eben noch viel zu wenig regulierte Marktwirtschaft versagt hat. Ferner äussern sich viele Moralisten in diesem Sinne, die säuerlich über Gier oder Masslosigkeit jammern – und damit nur die anderen meinen. Schliesslich gibt es zunehmend mehr von jenen, die ohne persönliche Glaubwürdigkeit vollmundig über den Verlust der Werte in der Wirtschaft klagen, wie etwa Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy in seinem opportunistischen Rundumschlag zur Eröffnung des WEF; dass er damit rund 50 Prozent der Teilnehmer einzunehmen vermochte, sagt viel über deren Orientierungslosigkeit.

Tatsache ist allerdings, dass die freie Wirtschaft und Gesellschaft auf gemeinsamen Werten fusst. Sie kann nicht funktionieren, wenn die Menschen nicht zentrale moralische Auffassungen miteinander teilen. Moral kann durch Gesetze weder erzwungen noch in grösserem Ausmass ersetzt werden. Eine Gemeinschaft, in der alles geregelt wäre, entbehrte der Menschlichkeit und könnte nicht überleben. Deshalb wirken die Bestrebungen, dem vermeintlichen und tatsächlichen Mangel an Anstand mittels Vorschriften beizukommen, hilflos, abgesehen davon, dass die Menschen in den letzten Jahren nicht plötzlich so viel schlechter geworden sind, dass sie nun gegängelt werden müssten. Hingegen gibt es einige andere Arten von Werte-Erosionen, die zur Krise beigetragen haben und viel grundlegender unser Wirtschaftssystem untergraben.

Schnäppchenjäger und Spekulanten

Zu ihnen zählt der markante Verlust an Langfristdenken. Kunden wechseln wegen eines Schnäppchens das Geschäft. Private Partnerschaften sind immer weniger emotionale Investitionen in eine gemeinsame Zukunft. Politiker haben bei ihrem Tun bestenfalls die nächsten vier, fünf Jahre im Auge, oft genug sogar nur den Medieneffekt des Augenblicks. Investoren – auch der kleine Mann von der Strasse – ziehen sich von einem Unternehmen zurück, wenn das Quartalsergebnis etwas schlechter ausfällt. Angestellte vergessen wegen eines leicht höheren Lohns, wie viel «ihre» Firma in sie investiert hat. Arbeitgeber entlassen langjährige Mitarbeiter, nur um im Aufschwung wieder neue einzustellen. Ein Mangel an Loyalität durchzieht das Zusammenleben und als Folge davon ein Mangel an Vertrauen. Schuld daran ist unter anderem ein falsches Verständnis von Wettbewerb. Er verlangt nämlich nicht, dass man stets die momentan günstigste Gelegenheit ergreift, sondern kann (und soll) durchaus einen Vergleich verschiedener Angebote in einer längerfristigen Perspektive umfassen. An Bedeutung verloren hat ferner die Verantwortung. Wie bei der Loyalität ist, was man auf den obersten Ebenen sieht und worüber man sich dort empört, auch im Kleinen zu beobachten. Wie viele schieben doch die Verantwortung für das eigene Schicksal auf den Sozialstaat. Wie viele betreiben in den Unternehmen Schwarzpeterspiele und wollen am Schluss für Fehlentscheide nicht verantwortlich sein – während der Erfolg viele Väter hat. Wie elegant stehlen sich doch Bundesräte ebenso aus der Verantwortung wie CEO. Oder sie sitzen Fehlentscheide einfach aus. Gäbe es mehr Verantwortung, müsste es mehr Rücktritte geben, nicht wegen Entscheiden unter Unsicherheit, die sich im Nachhinein als falsch erweisen, auch nicht jedes Fehlers wegen, denn sie gehören zum Leben, aber vielleicht doch, wenn die Zahl der Fehler zu gross oder ein einzelner Fehlentscheid zu gravierend ist. Ein Mangel an Verantwortung ist es auch, wenn die Aktionäre zu sorglos den Anträgen der Verwaltungsräte folgen, und erst recht, wenn sie im Falle unternehmerischen Scheiterns vom Staat vor einem Totalverlust gerettet werden wie die Aktionäre so vieler quasikonkursiter Banken, darunter auch die UBS.

Nicht nur der Finanzsektor

Weiter ist die Orientierung am Bürger- und Kundennutzen im Rückzug. Das gilt, was den Staat betrifft, weniger in der Schweiz als in vielen Ländern, in denen die Bürger nicht als Souverän, sondern eher als widerborstige Steuerzahler betrachtet werden. Es gilt zudem ausgeprägt im Finanzsektor, wo vor lauter Kasino-Mentalität im Investment Banking die dienende Funktion der Banken für die Realwirtschaft vernachlässigt wurde. Damit verknüpft ist, dass zumindest einige «masters of the universe» vergessen haben, dass für Marktwirtschaften, die in Demokratien eingebettet sind, wie dies meist der Fall ist, permanent um die politische Akzeptanz gerungen werden muss. Das haben sie weitgehend unterlassen, vielleicht aus Mangel an Bescheidenheit, vielleicht aber auch, weil sie die Unmöglichkeit dieses Unterfangens erkannt haben. Es wird für eine grosse Mehrheit der Bevölkerung wohl schlicht nie nachvollziehbar sein, dass unter Wettbewerbsbedingungen im Finanzsektor so viel höhere Gewinne und Löhne anfallen sollen als in der «normalen» Wirtschaft. Bei einem der dominierenden Themen der Aufarbeitung der Krise, der «too big to fail»-Problematik, die auch am WEF allgegenwärtig ist, spielen all diese Werte wesentlich hinein. Staatliche Regulierung muss hier nicht strafen oder gar rächen, sondern das Langfristdenken, das Prinzip der Haftung und die Orientierung am Kundennutzen stärken und der gesellschaftlichen Akzeptanz Sorge tragen. Es wäre allerdings reichlich kurzsichtig, würde dies nur im Finanzsektor geschehen. Die Krise der Werte herrscht in anderen Bereichen der Wirtschaft, in Politik und Gesellschaft genauso, und sie kann dort möglicherweise sogar noch gravierendere Folgekrisen auslösen als die, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Sie zeichnen sich mit Schuldenbergen und Inflationspotenzial bereits am Horizont ab. Doch stattdessen wird am WEF und anderswo lieber über einen neuen Kapitalismus schwadroniert.

NZZ Samstag/Sonntag, 30./31. Januar 2010, Seite 1

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