Federspitzen des Privatbanquiers

(NZZ – ÖKONOMISCHE LITERATUR – Mittwoch, 6. April 2011, Nr. 81, Seite 35)

Zwei Dezennien Anlagekommentar

ra. • Hat Konrad Hummler den falschen Beruf ergriffen? Darüber könnte man trefflich diskutieren. Nicht wenige Menschen meinen, am geschäftsführenden Teilhaber der Bank Wegelin & Co. sei ein exzellenter Journalist verloren gegangen. Und tatsächlich war der Karrierebeginn in dieser Hinsicht hoffnungsvoll: Während seines Jurastudiums an der Universität Zürich avancierte der 1953 geborene St. Galler zum Chefredaktor der «Schweizerischen Hochschulzeitung».

Gefragter Gastautor

Doch statt sich nach dem Studium weiter dem gedruckten Wort zu widmen, schlug Hummler eine Bankenlaufbahn ein und begann 1981 bei einer Vorgängerin der heutigen UBS. Die spitze Feder legte er jedoch nur vorübergehend beiseite, denn nach seinem Wechsel zu Wegelin im Jahr 1991 übernahm Hummler dort den traditionsreichen Anlagekommentar. Seitdem widmet er sich im Rhythmus von sechs bis sieben Wochen politischen, wirtschaftlichen sowie kulturellen Geschehnissen und lässt diese in «seinen» Anlagekommentar einfliessen. Hummler erledigte die Aufgabe so erfolgreich, dass der Wegelin-Kommentar zu einer über den Kundenkreis der Bank hinaus bekannten Marke wurde und Hummler durch seine «erfrischende Mischung von gesundem Menschenverstand und solider ökonomisch-juristischer Analyse» (Jean-Pierre Roth, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Nationalbank) zu einem beliebten Gastautor in zahlreichen Medien avancierte. Eine von Hans-Christoph Kesselring ausgewählte und bearbeitete Sammlung der zwischen 1990 und 2010 erschienenen Beiträge ist nun in Buchform unter dem Titel «Versuch, Irrtum, Deutung» im Orell-Füssli-Verlag erschienen.

Das nicht primär nach Jahren, sondern nach Themen gegliederte Werk spiegelt dabei die wichtigen Ereignisse der letzten beiden Dezennien – von der Auflösung des Ostblocks über den Boom der New Economy bis hin zur jüngsten Finanzmarktkrise und ihren globalen und lokalen Folgen. Auch Fragen zur Corporate Governance und zur Zukunft des Bankgeheimnisses nehmen in den jüngeren Kommentaren des auch für die eigene Zunft manchmal unbequemen Denkers breiten Raum ein. Schwerpunkte des Buches sind unter anderem Gedanken über Staat und Markt, Rendite und Risiko sowie zur Funktion und zum Funktionieren von Finanzmärkten und Finanzprodukten.

Liberale Geschichtsstunde

Somit sind die Aufsätze des überzeugten Liberalen immer auch ein wenig eine Geschichtsstunde. Dabei versteht es Hummler hervorragend, auf den ersten Blick sachfremde Themen mit dem Finanzsektor zu verknüpfen. Als Beispiel magder Beitrag «VomdiskretenCharme der Derivate» (1999) dienen, in dem er eine Analogie zwischen der Manufaktur von Glas und der Entwicklung von Silizium- Chips herstellt und dies letztlich mit den von ihm schon früh erkannten Vorteilen von strukturierten Produkten und ihrem Einsatz als Geldanlage-Baustein im Portefeuille zusammenführt.

Sein anerkanntes Faible für das geschriebene Wort drückt sich jedoch seit Jahren nicht nur in den Anlagekommentaren aus, sondern auch in seiner Funktion als Mitglied des Verwaltungsrates der AG für die Neue Zürcher Zeitung, zu dessen Präsident er am kommenden Samstag gewählt werden soll.

Konrad Hummler: Versuch, Irrtum, Deutung. Anlagekommentare 1990 bis 2010. Ausgewählt, bearbeitet und eingeleitet von Hans-Christoph Kesselring.
Verlag Orell Füssli, Zürich 2011. 371 S., Fr. 69.–.

NZZ Mittwoch, 6. April 2011, Nr. 81, Seite 35

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