Bei Nulltoleranz liegt die Vernunft nahe null

(NZZ – WIRTSCHAFT – Dienstag, 24. Oktober 2017, Seite 34)

Sicherheit und Freiheit

Thomas Fuster · Der sechsjährige Zachary Christie brachte es 2009 in den USA zu einiger Berühmtheit. Die besondere Tat des stolzen Pfadfinders: Er nahm ein Camping-Utensil, das gleichzeitig als Löffel, Gabel und Messer dient, mit in die Schule, um damit seinen Lunch zu essen. Die Schulleitung erkannte darin aber einen Verstoss gegen die Nulltoleranzpolitik bei Waffen. Sie entschied, den Buben von der Schule zu weisen und in eine Besserungsanstalt zu stecken. Die Anekdote dient dem amerikanischen Sicherheitsexperten Christopher Preble als Beispiel dafür, wie «zero tolerance» im vermeintlichen Kampf gegen den Terrorismus oft mit «zero thought» einhergeht.

Preble forscht am Cato-Institut in Washington. Am Montag legte er in Zürich auf Einladung der Progress Foundation dar, warum die Vernunft meist zu kurz kommt bei Anti-Terror-Massnahmen. So zeigten Statistiken, dass seit dem Anschlag von 9/11 pro Jahr etwa 6 Amerikaner einer Terrorattacke zum Opfer fielen, während 400 in der Badewanne starben. Das Risiko sei also extrem klein. Die Wahrscheinlichkeit, an den Folgen der Strahlenbelastung bei Sicherheitskontrollen an Flughäfen zu sterben, liegt bei 1:60 Mio.; die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines allenfalls durch Terroristen verursachten Flugunfalls zu werden, indes bei 1:90 Mio.

Laut Preble gibt es solide Daten, was die Menschen als inakzeptables Risiko betrachten (Todesfallrisiko von 1:10 000) und was als akzeptables (1:700 000). An diesen Einschätzungen orientiert sich gemeinhin auch die Politik. Die Ausnahme ist der Anti-Terror-Kampf, wo kleinste Risiken beurteilt werden, als handle es sich um mathematische Sicherheiten. Das Problem wird übertrieben, politische Überreaktionen sind die Folge. Das lässt Terroristen in der Wahrnehmung als viel mächtiger erscheinen, als sie tatsächlich sind. Die Überreaktion der westlichen Politik, so das Fazit von Preble, dient daher niemandem, ausser den Terroristen.

NZZ 24. Oktober 2017, Seite 34

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