50 Cent für einen Dollar – oder gar nichts

(NZZ – REFLEXE – Samstag, 17. November 2018, Seite 42)

Überschuldete Weltwirtschaft

Thomas Fuster · Optimismus gehört nicht zu den Wesenszügen von William White. Sein Bild der Zukunft ist geprägt von dunkelgrauen bis rabenschwarzen Tönen. Doch die Skepsis des früheren Ökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat Gewicht. So zählte der Kanadier zu den wenigen Ökonomen, welche die Finanzkrise haben kommen sehen und davor gewarnt haben. Entsprechend beunruhigend ist es, dass dieser scharfe Beobachter seit Jahren vor einer Wiederholung der Krise warnt, so auch am Freitag in Zürich, wo er – zusammen mit Hans-Werner Sinn – auf Einladung der Progress Foundation referierte.

White sieht die Weltwirtschaft in einer Schuldenfalle. So hat die ultraexpansive Geldpolitik der vergangenen zehn Jahre dazu geführt, dass Staaten, Firmen und Privathaushalte sich massiv verschuldet haben. Damit die gefährliche Schuldenakkumulation nicht ungebremst weitergeht, muss die extrem lockere Geldpolitik beendet werden; die Zinsen müssen also steigen. Doch Zinserhöhungen bringen die Schuldner, die in den vergangenen Jahren mit beiden Händen in den Topf mit Billiggeld gegriffen haben, in schwere Not.White sagt daher: «Man kann nicht dort bleiben, wo man ist.Aber man kann auch nicht anderswohin gehen.»

Lösen muss man Probleme aber immer dort, wo sie sind.Also was tun? Am wenigsten schlimm wäre laut White eine geordnete Schuldenrestrukturierung, also ein Schuldenschnitt oder Schuldenerlass. Denn die Schulden seien vielerorts derart hoch, dass nicht mehr mit einer Rückzahlung zu rechnen sei. Das ist bitter. Doch die Alternativen – etwa ein Schuldenabbau durch Inflationierung – sind noch übler. Zu tun wäre daher Folgendes: die Gläubiger in einen Raum sperren und ihnen klarmachen: «Sie haben die Wahl: 50 Cent für einen Dollar – oder gar nichts.» Denn glaubt man White, der mit seinen düsteren Prognosen sehr oft richtiglag, stehen 100 Cent pro Dollar schon lange nicht mehr zur Debatte.

NZZ 17. November 2018, Seite 42

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