Die künstliche Intelligenz ist wie ein blinder Käfer

(NZZ – FEUILLETON – Mittwoch, 28. August 2019, Seite 37)

Tief im Inneren des Kalkgebirges hausen seit Urzeiten Pseudoskorpione. Sie wissen von ihrer Welt gerade so viel wie wir von unserer

KONRAD HUMMLER

Das glänzt und gleisst von weitem und sieht aus wie ein prähistorisches Tier mit tief gefurchter, schrundiger Haut. Ein riesiger Buckelwal aus nichts als Stein. Nichts sonst? Und sein Inneres wäre wüst und leer?

Von drei Seiten her kann man die Silberen besteigen. Am einfachsten vom Pragelpass aus, jener Verbindung zwischen dem Glarnerland und dem schwyzerischen Muotatal. Wir wählten einen beschwerlicheren Weg vom tief unten gelegenen Klöntalersee her.

Auf der hinteren Silberenalp, am schroff eingerahmten Silberenseeli, hatten wir nach einem elend steilen, glitschigen Aufstieg biwakiert, Risotto gekocht, mitgeschleppten Wein getrunken, den mondlosen, klaren Sternenhimmel genossen – comme d’habitude. Am anderen Morgen nahmen wir ohne die Last der schweren Rucksäcke die letzten paar hundert Höhenmeter zur Silberen unter die Füsse und hüpften, dem Alter entsprechend, beinahe über die Grasbänder und Kalkriffe zum Gipfel.

Nun ist das Wort Gipfel bei diesem Berg aber wenig zutreffend. Denn die Silberen, zwar mit 2319 m ü. M. hoch erhaben über die umliegenden Erhebungen und tiefen Täler, gleicht eher einem flachgedrückten Pudding. Der höchste Punkt wäre schwer auszumachen, gäbe es kein Steinmannli und keine weissrot- weissen Markierungen. Überhaupt: Ohne diese üppig angebrachten Zeichen wäre die Silberen schwierig zu besteigen, vor allem bei schlechtem Wetter. Denn kaum würde man sich noch in den Kalkadern zurechtfinden und verlöre wegen mangelnder Steigung die Orientierung.

Aufsteigen heisst absteigen

So lieblich der Pudding von weitem scheint, so garstig könnte er dem Umherirrenden werden. Der Kalk ist nämlich karstig-rissig; die Löcher können lediglich wenige Zentimeter, aber auch einige Meter Durchmesser annehmen. Und alle verlieren sie sich tief ins Innere des Berges. Durch sie gurgeln die häufigen Niederschläge, läuft im Frühsommer das Schmelzwasser der Schneemassen ab – irgendwo hinab ins Unbekannte, hinein in den Silberenbauch.

Unten, im Innern, ist das Höllloch. Eines der grössten Höhlensysteme überhaupt. Wer zur Silberen aufsteigt, der steigt gleichzeitig in diesen Orkus hinab. Das Gehen über die zerfurchte Karstlandschaft reisst die Gedanken in die Tiefe. Denn bei jedem Schritt steht man auf festem Gestein und hängt über einem der dunklen Abgründe, aus denen da und dort sogar kühle Luft von unten heraufströmt. Oft bleibt der Schuhsohle nur ein schmales Steinrippchen übrig, der Rest hängt im freien Raum, und man ist froh über die Festigkeit des Kalks. Dieser allerdings kann dem Wasser nicht widerstehen, weshalb sich im Laufe der Jahrmillionen ein solcher kalkiger Puddingschwamm gebildet hat.

Der Mensch weiss viel über die Oberfläche. Die Landestopografie hat ganze Arbeit geleistet; genauer kann eine Karte kaum gezeichnet sein. Ohnehin ist ja Morphologie die am weitesten getriebene Wissenschaft des Menschen. Wir können uns mittlerweile selber orten, mit dem Handy und dank GPS. Weltweit, zentimetergenau.Wunderbar! Aber was wissen wir über das Innere? Über all die Kanälchen und Kanäle, die ins Höllloch und weiter hinabführen? Über ihre dreidimensionale Geografie, über ihr Entstehen in der vierten Dimension, der Zeit?

Tief unten haust der Pseudoblothrus infernus, ein skorpionartiges Insekt, das sich einst vor der Eiszeit in die Wärme der Höhlen geflüchtet hatte und seither das Augenlicht verloren, dafür andere Sinnesorgane dazugewonnen hat. Erst vor wenigen Jahren wurde es entdeckt. Wie nimmt der Pseudoblothrus seine Welt wahr? Sicher nicht als hell gleissende Oberfläche wie wir die Silberen, sondern eher als grosses System von Nischen, Gängen und Gewölben, unermesslich, weitverzweigt, überaus nass.

Pseudoblothrus verfügt über eine spezifische Intelligenz, um im Dunkel des Hölllochs zu überleben und sich seine kleine grosse Welt erfolgreich zu eigen zu machen. Auf unserer Erdoberfläche wäre das Insekt vermutlich so verloren, wie die Höhlenforscher unbeholfen sind, wenn sie sich durch die engen Schlünde zwängen und dauernd Angst vor Wassereinbrüchen haben müssen.

Jeder hat sein Höllloch Die besondere Intelligenz des Pseudoblothrus infernus und die so weit entwickelte Denkfähigkeit des Menschen: Sie beschäftigen mich im Aufstieg zur Silberen. Denn es will mir scheinen, dass Intelligenz sich weitgehend auf die spezifischen Umstände bezieht: Ich, der ich nicht viel mehr kann, als von Kalkrippe zu Kalkrippe zu balancieren, mithin zwar eine gewisse Oberflächenmeisterschaft entwickelt habe, wäre in den Abgründen des Erdinnern verloren.Wie umfassend also ist mein Bewusstsein? Bleibt es aufgrund meiner Umstände nicht zwingend oberflächlich?

Und wie verhält sich meine situationsbezogene Intelligenz zu jener anderer Menschen, zu anderen Tieren als dem Pseudoskorpion, zu Pflanzen, zu Pilzen und Schwämmen? Schliesslich: Wenn es so ist, dass Intelligenz und Bewusstsein zwingend situationsbezogen bleiben – wie soll dann künstliche Intelligenz definiert werden? Kann sie je allgemeingültig und umfassend werden? Das wird ja behauptet und befürchtet.

Nein, nein und noch einmal nein. Mit jeder Kalkrippe nach oben verfestigt sich die Erkenntnis, dass auch Artificial Intelligence begrenzt bleiben wird, auf die spezifischen Umstände jener begrenzt, die ihr den Vektor vorgeben. Und mithin, weil dies oberflächenorientierte Menschen sein werden, wird sie oberflächlich bleiben. Eine künstliche Intelligenz des Pseudoblothrus infernus sähe ganz anders aus. Zudem, und nun scheinen wir dann ganz oben angelangt zu sein: Hat nicht jeder Mensch sein eigenes Höllloch, dessen Tiefen er dann und wann erahnen kann, ohne aber die Verästelungen und Verzweigungen je ganz erforschen zu können? Und leitet nicht genau jene Ahnung den Menschen mehr, als es jede Oberflächenintelligenz je könnte? Intelligenz ohne Ahnung wäre wie die Silberen ohne Höhlensystem. Ein blöder Buckel.

Doch, man merkt es, wenn man bei der Silberen ganz zuoberst steht. Denn dann tut sich, von Süden her bisher begleitet vom eleganten Glärnisch, vom mächtigen Tödi und von den wilden Urner Bergen, eine atemberaubende Aussicht auf. Die Augen stürzen beinahe ab, hinunter zum Sihlsee. Er gleisst unmittelbar hinter der nächsten grünen Bergkette. Optisch nur wenig entfernt davon krümmt sich mit leichtem Rechtsdrall der Zürichsee bis zu seinem unteren Ende, der Weltstadt Zürich.

Grossartig! Dort krabbeln, eilen, faulenzen sie, die intelligenten Wesen in ihrer eigenen Welt, Pseudoskorpione der besonderen Art. Sie bewegen sich auf ihren Oberflächen und meinen, kraft ihrer Intelligenz und in zunehmendem Masse der zugekauften künstlichen Intelligenz, ihre oberflächliche Welt zu verstehen. Dann und wann kommt aber ein Luftzug aus den Tiefen und mit ihm die Ahnung einer Welt mit viel mehr als zwei Dimensionen. Unerforschlich.


Konrad Hummler ist Unternehmer und freier Autor.

NZZ 28. August 2019, Seite 37

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