Verantwortung übernehmen

(NZZ – Wirtschaft – Schwarz und Wirz – Diensatg, 28. Dezember 2021, Seite 23)

GERHARD SCHWARZ

Eigenverantwortung spielt in der Corona-Politik eine zentrale Rolle. Viele Beobachter des Geschehens verstehen den Begriff aber nicht oder wollen ihn nicht verstehen. Lukas Bärfuss dürfte zur zweiten Kategorie gehören. In einem Interview bezeichnete er unlängst Eigenverantwortung als «fürchterlichstes Wort der politischen Kommunikation ». Eigenverantwortung ist verwandt mit dem Grundsatz der Subsidiarität der katholischen Soziallehre. Gemeint ist die Bereitschaft und Pflicht, für das eigene Tun und Lassen Verantwortung zu übernehmen und allfällige Konsequenzen selbst zu tragen. Woher also der Furor? Was kann man an einem Begriff, der im Zentrum des Zusammenlebens freier Menschen steht, so falsch verstehen, was kann einen so empören?

Erstens tönt Eigenverantwortung für viele unsozial und egoistisch. Doch Eigenverantwortung ist ein Ausdruck von Solidarität. Wer für sich und die Seinen sorgt, um der Allgemeinheit nicht zur Last zu fallen, handelt solidarisch. Wer sich als Opfer zelebriert und wegen kleinster Probleme Hilfe fordert, ist asozial. Ausserdem schliesst Selbstverantwortung die soziale Verantwortung nicht aus. Es handelt sich um sich ergänzende Begriffe. Schliesslich umfasst die Eigenverantwortung sinnvollerweise auch die Haftung für Schäden, die man anderen antut. Auch das ist alles andere als unsozial.

Zweitens ist dieser Aspekt der Eigenverantwortung, die Haftung, so oft mit Füssen getreten worden, dass man das Unbehagen versteht. Wenn Manager mit dem fremden Geld der Aktionäre hohe Risiken eingehen, scheitern und trotzdem finanziell reich belohnt werden, torpediert das die Glaubwürdigkeit. Eigenverantwortung sollte nicht nur in der Sozialpolitik die Richtschnur sein, sondern auch im Wirtschaftsleben oder in der Gesundheitspolitik. Verwandt damit ist, dass Eigenverantwortung oft wenig symmetrisch angelegt ist. Wer den Schaden tragen muss, sollte auch einen allfälligen Nutzen haben, und wer den Nutzen hat, muss sich gegen Schäden selbst absichern und versichern.

Drittens wird Eigenverantwortung zu oft auf Monetäres reduziert, womit suggeriert wird, dass sich nur Reiche Eigenverantwortung leisten könnten. Natürlich spielt Geld eine Rolle. Aber ist es nicht in Ordnung, dass man höhere Prämien zahlt, wenn man mit seinem Auto ständig Schäden produziert, dass man Verluste von Fehlinvestitionen selbst tragen muss und dass man, wenn man nicht vorsorgt, sondern dem Konsum frönt, im Alter nicht gleich gut gestellt ist wie jemand, der für das Alterssparen Verzicht leistet? Es gibt auch Eigenverantwortung, die nichts kostet, wie der Verzicht aufs Rauchen.

Viertens ist Eigenverantwortung eine Haltung, gegen die zu viele immer wieder verstossen, wenn sie sich selbst zu wenig Sorge tragen und wenn sie versuchen, auf Kosten der Allgemeinheit zu leben. In der Pandemie wurde das besonders deutlich. Doch die Grundsätze einer offenen Gesellschaft werden nicht dadurch infrage gestellt, dass sich nicht alle an sie halten. Eigenverantwortung, die die Haftung einschliesst, ist auch in der Pandemie eine valable Orientierungshilfe.


Gerhard Schwarz war Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion und ist heute Präsident der Progress Foundation.

NZZ 28. Dezember 2021, Seite 23

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