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Wider die Wohlfühlinflation – es lebe die Lenkungswirkung der Preise

(Nzz.ch, 28.06.2022)

Das Bemühen der Politik in den meisten Industrieländern, die Bevölkerung von der Inflation abzuschirmen, ist verheerend. In einer solchen Wohlfühlinflation werden die Preise ihrer zentralen Funktion beraubt. Sie signalisieren nicht mehr spürbar die aus welchen Gründen auch immer bestehenden Knappheiten.

Gerhard Schwarz

Die Konsumenten sollen auf die steigenden Preise reagieren und können den Konsum zurückschrauben, indem sie nach Alternativen suchen.

Jahrzehntelang wurde die Gefahr der Inflation von weiten Teilen der Politik und der veröffentlichten Meinung heruntergespielt. Die Mahner wurden gönnerhaft als ewiggestrig belächelt. Die Inflation der Konsumentenpreise galt als nicht existent; dabei hätte man anhand des gewaltigen Anstiegs der Vermögenspreise, also der Preise von Aktien, Immobilien und Kunstgegenständen, erkennen können, dass sie nur schlummerte und irgendwann erwachen würde. Und wer sich informierte – was man von verantwortungsvollen Politikerinnen und Politikern erwarten darf –, wusste um die schlimmen sozialen und wirtschaftlichen Folgen eines längere Zeit steigenden Preisniveaus.

Zu diesen negativen Aspekten zählen nicht zuletzt Verteilungswirkungen. Wenn das durchschnittliche Preisniveau eines repräsentativen Warenkorbs steigt, kommt es zu einer Verschiebung der relativen Preise. Die Preise der Güter und Dienstleistungen ändern sich nicht gleichmässig. So hat, wer viel Auto fährt, derzeit mehr Grund, über die Inflation zu jammern, als jemand, der mit Zug und Bus unterwegs ist. Und wer in seinen Ferien die Leistungen der Parahotellerie nutzt, profitiert sogar von jüngst leicht gesunkenen Preisen.

Schuldner profitieren

Bekannt ist auch, dass Inflation den Schuldnern nützt; sie müssen real weniger zurückzahlen. Umgekehrt erhalten die Gläubiger real weniger. Klar ist auch, dass der allgemeine Preisanstieg jene mehr trifft, die mit ihren tiefen Einkommen knapp über die Runden kamen und nicht auf Ersparnisse zurückgreifen können. Kaufkraftverluste von durchschnittlich über 8 Prozent (und im Einzelfall weit über 10 Prozent) wie in den USA oder Deutschland verkraften sie nicht. Es ist daher sinnvoll, sie rasch und treffsicher zu unterstützen.

Alles andere als sachgerecht sind dagegen die nun diskutierten und zum Teil praktizierten Ideen, mit der Giesskanne und unter Einsatz massiver Geldmittel den Preisanstieg zu kompensieren und für eine Art «Wohlfühlinflation» zu sorgen, also zu verhindern, dass die Bevölkerung die Inflation spürt. Damit werden die Preise ihrer vielleicht wichtigsten Funktion, der Signalfunktion, beraubt.

Pullover statt Heizöl

Steigende Preise signalisieren eine hohe Nachfrage oder ein knappes Angebot. Daher führen sie normalerweise dazu, dass die Produzenten mehr produzieren und die Konsumenten weniger konsumieren. Ersteres ist dort nicht der Fall, wo Produzenten kurzfristig nicht mehr anbieten können, etwa weil Regierungen Lockdowns verfügen oder das Angebot aus politischen Gründen knapp halten wollen. Die Konsumenten hingegen können und sollen reagieren, sollen den Konsum zurückschrauben und Alternativen suchen (Pullover statt Heizöl), wenn etwas aus welchen Gründen auch immer knapp und teuer wird. Der Konsumrückgang ist erwünscht.

Paul Samuelson und William Nordhaus sprechen in ihrem Lehrbuch von einer «Rationierung über den Preis». Der Anstieg der Energiepreise ist das, was Umweltpolitiker jeglicher Couleur immer wollten. Wenn sie dieses Geschenk nun nicht dankbar annehmen, wussten sie entweder nicht, was sie forderten – oder sie offenbaren sich als billige Populisten.

Gerhard Schwarz war Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion und ist heute Präsident der Progress Foundation.


Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/inflation-es-lebe-die-lenkungswirkung-der-preise-ld.1690895

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