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Die Kurzfristigkeitsfalle der Demokratie

(Nzz.ch, 26.07.2022)

Alle Demokratien leiden an einem zu kurzen Zeithorizont. Jener der Politiker wird stark von der Wiederwahl bestimmt. Die Bevölkerung denkt zwar meist längerfristig, verweigert sich dann aber dennoch Reformen, die hier und heute weh tun. Dabei verlangten viele Herausforderungen einen Zeithorizont von Jahrzehnten. In dieser Inkonsistenz liegt eine Schwäche der Demokratie.

Gerhard Schwarz

Die Demokratie leidet an einem strukturellen Anreizproblem.

Es ist erstaunlich, wie sehr in der Theorie der Wirtschaftspolitik der Faktor Zeit und der Zeithorizont vernachlässigt werden. Zwar fand Ende der 1970er Jahre das Phänomen der Zeitinkonsistenz Eingang in die Theorie, also die Beobachtung, dass man zwar häufig weiss, was mittelfristig angezeigt wäre (zum Beispiel abnehmen), aber das gerne immer wieder auf morgen verschiebt, weil es ja kurzfristig kaum einen Unterschied macht. Deshalb geschieht vieles, wenn überhaupt, dann zu spät. Aber es gibt eine zweite, weniger beachtete Inkonsistenz, nämlich die unterschiedlichen Zeithorizonte der Akteure. Sie führt zusammen mit der ersten Zeitinkonsistenz dazu, dass sich für dringliche Reformen keine Mehrheiten finden und dass längerfristige Herausforderungen und Verantwortlichkeiten vernachlässigt werden.

In ihren persönlichen Angelegenheiten dürfte der Zeit- und Planungshorizont vieler jüngerer Wirtschaftssubjekte bei höchstens 10 bis 15 Jahren liegen. Ein Indiz dafür ist, dass sich diese nur wenig gegen ihre Benachteiligung bei der Altersvorsorge wehren. AHV- und Pensionskassenbezug liegen für sie einfach zu weit weg.

In der Mitte des Lebens weitet sich der Zeithorizont. Zum einen rücken die Zeit der Pensionierung und die letzte Lebensphase näher und werden plastischer, zum anderen führt der Gedanke an das Wohlergehen der Kinder und Enkel zu einer längerfristigen Perspektive.

Gegen das Lebensende dürfte der Zeithorizont bei vielen wieder etwas enger werden. Und dann sind da noch die Aktivistinnen und Bewegten jeglichen Alters, deren Zeithorizont jedes menschliche Fassungsvermögen übersteigt; sie geben vor, in Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden zu denken, denn es gehe ihnen um das Überleben der Menschheit und vor allem des Planeten.

Der Zeithorizont der Politik, der dem gegenübersteht, entspricht nicht einmal dem kurzfristigen Denken der Jungen. In den meisten Demokratien wird alle vier oder fünf Jahre gewählt, in den USA herrscht alle zwei Jahre Wahlkampf. Das ist der Zeithorizont für Politiker, die wiedergewählt werden wollen. Wenn sie mit Blick auf weitreichende Projekte der Bevölkerung viel abverlangen, ist die Gefahr gross, dass sie abgewählt werden. Das engt ihren Spielraum für eine langfristige Politik enorm ein.

Wenn sie sich umgekehrt die Unterstützung des Volkes kurzfristig erkaufen, mit grosszügigster Schuldenpolitik, dem Hinausschieben notwendiger, aber unangenehmer Reformen und wenig durchdachten Konzessionen an den Zeitgeist, müssen sie nie für diese Verantwortungslosigkeit und den Mangel an strategischer Weitsicht geradestehen.

Die Demokratie leidet also an einem fundamentalen strukturellen Anreizproblem. Das wird in Zeiten von Krisen und Zeitenwenden besonders deutlich. Lösungen, die nicht in autoritäre Strukturen abgleiten, sind schwierig.

Gerhard Schwarz war Leiter der Wirtschaftsredaktion der NZZ und ist Präsident der Progress Foundation.


Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/demokratie-verbessern-zeitinkonsistenz-und-kurzfristigkeit-ld.1695086

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