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Ein Kränzlein für den Zufall

(Nzz.ch, 1.11.2022)

Der Zufall geniesst in der aufgeklärten Welt zu Unrecht einen schlechten Ruf. Die Welt ist nicht komplett durchschaubar, planbar und steuerbar. Der Zufall macht das Leben weniger mechanisch und menschlicher. Wir sollten uns seiner Rolle bewusst sein und ihm mehr vertrauen.

Gerhard Schwarz

Vor kurzem fand auf dem Säntis unter dem sperrigen Namen «Kolumination» bereits zum dritten Mal ein «Festival der Worte» statt. Im Zentrum dieser Kolumnen-Gipfel, an denen ich mitwirke, stehen Kolumnen und Slam-Texte. Dieses Mal lautete das Thema «Zufall». Insofern ist es kein Zufall, dass ich heute dem Zufall ein Kränzlein winde.

Früher glaubten die Menschen an das Schicksal, an Kismet und Karma, nicht an den willkürlichen Zufall, sondern an ein von höheren Mächten bestimmtes Leben. Heute glaubt die aufgeklärte Welt an die kausale Erklärbarkeit von allem und im Gefolge davon an die Machbarkeit, daran, dass man alles im Griff hat, jedenfalls im Griff haben könnte. Doch im Ausblenden des Zufalls liegt etwas Mechanisches, fast Unmenschliches, während in seiner Anerkennung Demut aufflackert.

Zufall meint das Fehlen einer Ursache. Etwas fällt einem zu, und man weiss nicht recht, woher und warum. Die Ursache ist nicht erkennbar oder so komplex, dass man sie nicht analysieren kann. Obwohl man vielleicht sogar alle Einflussfaktoren kennt, kann man Entwicklungen und Ereignisse nicht vorhersagen. Viele sagen Zufall und meinen Unvorhersehbarkeit und Unberechenbarkeit. Die beliebte Frage «Was wäre passiert, wenn an einem Punkt im Leben, in der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft, etwas anders gekommen wäre, als es gekommen ist?» macht die Rolle des Zufalls bewusst.

Tarte Tatin – ein Zufallsprodukt

Sogar in der Kulinarik: Wäre den Schwestern Tatin aus der Sologne nicht ein Apfelkuchen aus den Händen gefallen und hätten sie ihn nicht mit der Fruchtseite nach unten wieder in die Form gelegt, neu mit Teig bedeckt und nochmals gebacken, gäbe es wohl bis heute nicht ihren Apfelkuchen. Eine Legende vielleicht – aber eine, bei der der Zufall die Hand im Spiel hat.

Menschliches Verhalten unterliegt also Risiken und Wahrscheinlichkeiten. Sie richtig einzuschätzen, fällt den Menschen schwer. Das spielt für das Verständnis der Wirtschaft eine bedeutende Rolle. Die Verhaltensökonomik versucht, das zu berücksichtigen. Die Unberechenbarkeit des Zufalls bringt ja die Vorstellung vom rational entscheidenden, den Nutzen maximierenden Menschen etwas durcheinander. Vernunftgeleitetes Planen wird schwierig, wenn einem der Zufall immer wieder einen Streich spielt. Genau darauf basieren liberale Ordnungsvorstellungen.

Warum das Los nicht ungerecht ist

Wer dagegenhält, der gut fundierte menschliche Entscheid sei klar vorzuziehen, sei daran erinnert, dass der Zufall durchaus gute Ergebnisse zeitigt, so das Los in personellen Auswahlverfahren oder bei Finanzanlagen, wo es manchmal raffinierte wissenschaftliche Systeme schlägt.

Beim zweiten Einwand, der Zufall, das Schicksal, das Los sei ungerecht, handelt es sich um einen Kategorienfehler. Der Zufall ist nicht gerecht oder ungerecht, so wie Kälte nicht gelb oder grün ist. Und wenn schon sorgt der Zufall vielleicht da und dort sogar für eine ausgleichende Gerechtigkeit. Man sollte in freien, modernen Gesellschaften daher nicht nur mit der Unberechenbarkeit des Zufalls rechnen, sondern dem Zufall etwas mehr vertrauen, mehr zutrauen. Die Welt ist nicht ganz und gar deterministisch – und das ist gut so.

Gerhard Schwarz war Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion und ist heute Präsident der Progress Foundation.

Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/ein-kraenzlein-fuer-den-zufall-ld.1709928

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