Wer manipuliert hier wen?

(NZZ – Wirtschaft – Schwarz und Wirz – Dienstag, 22. März 2022, Seite 24)

GERHARD SCHWARZ

Als Publizist hört man oft Klagen über die Macht der Medien. Von linker Seite lautet der Vorwurf, die öffentliche Meinung werde mit viel Geld quasi «gekauft», auf der rechten Seite wird über die Diskrepanz zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung lamentiert. Eine Studie des libertären, sich meist gegen Kriegsbeteiligung stellenden Washingtoner Cato Institute (John Mueller, Public Opinion on War and Terror, 2021) widerspricht ersterer und bestätigt letztere These. Obwohl die Daten aus den USA stammen, dürften sie weitgehend auch für europäische Demokratien gelten. Sie verdienen vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges besondere Beachtung.

Die Kernaussage lautet, die Öffentlichkeit sei, zumal wenn es um Krieg und Frieden gehe, kaum manipulierbar. Als Beleg dienen drei Beispiele: die Angst vor Terrorismus nach dem 11. September 2001, die Haltung zum Irakkrieg von 2003 und der Alarmismus gegenüber dem Islamischen Staat 2014.

Medien und politische Führer könnten zwar Anliegen aufbringen, aber das heisse nicht, dass die Öffentlichkeit folge. Wenn es doch geschehe, habe das Thema meist in der Bevölkerung geschlummert. Gemäss der Studie beeinflusst eher umgekehrt die Öffentlichkeit die «potenziellen Manipulatoren». Medien suchten das Interesse ihrer Nutzer, und Politiker unterstützten lieber Haltungen der Bevölkerung, als dass sie diese zu ändern versuchten.

Die amerikanische Öffentlichkeit hat die Entsendung von Truppen oft deutlich und lang unterstützt, nicht nur im Zweiten Weltkrieg, sondern auch in Korea, Vietnam, Panama, Somalia und Afghanistan. In anderen Fällen, vor allem im Irakkrieg von 2003, war sie gespalten, und dies, obwohl damals die Führung der Demokraten den Krieg mittrug und trotz grossen Anstrengungen von Präsident George W. Bush, die Bevölkerung für den Krieg zu gewinnen. Bei seinem Amtsantritt 2001 waren 55 Prozent für eine Invasion des Iraks mit Bodentruppen gewesen, und bei Kriegsbeginn 2003 waren es nicht mehr, obwohl der 11. September den Falken Auftrieb gegeben hatte.

Die Medien können noch so einseitig berichten – im ebenfalls umstrittenen Golfkrieg von 1991 waren nur 5 Prozent der Berichterstattung in den USA kritisch –, die Bevölkerung orientiert sich mehr an Fakten: Sie stellt eine grobe Kosten-Nutzen-Rechnung an, und wenn die Zahl der Gefallenen steigt, sinkt die Unterstützung. Als etwa 20 000 Soldaten gefallen waren, hatte die Bevölkerung vom Vietnamkrieg genug; im Irakkrieg war dieser Punkt bei 1500 Gefallenen erreicht.

Erst recht geht die Zustimmung zurück, wenn die Erfolgschancen schwinden. Und schliesslich verändern inländische Probleme die Einstellung. So sank nach dem Hurrikan «Katrina» vorübergehend die Unterstützung für den Irakkrieg. Gemäss Mueller erfolgt die Meinungsbildung weitgehend von unten nach oben. In der Wirtschaft scheiterten 90 Prozent aller neuen Produkte, trotz massiven Marketinganstrengungen, und in der Politik habe Werbung höchstens einen marginalen Effekt. Genauso dürfe der Einfluss politischer Eliten und der Medien auf die öffentliche Meinung nicht überschätzt werden.


Gerhard Schwarz ist Präsident der Progress Foundation.

NZZ Dienstag, 22. März 2022, Seite 24

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