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Apropos

Selbstbestimmt weltverbunden

Juli 2018

Der Philosoph Hermann Lübbe analysiert in seinem Beitrag zu unserem Buch "Kleinstaat Schweiz – Auslauf- oder Erfolgsmodell?" die Globalisierungstendenzen. Die Evolution unserer Gesellschaft und ihrer technischen Errungenschaften lasse sich als "Netzverdichtungsgeschichte beschreiben", meint Lübbe. In erster Linie breiteten sich mit Blick auf den Handel und die Informationsübertragung die Verkehrsnetze aus; heute finde diese Entwicklung vor allem bei den Datenverkehrsnetzen statt. Solche Modernisierungsvorgänge würden aber nicht nivellierend, sondern differenzierend wirken. Zwar steigere sich der Vernetzungsgrad und die Freiheit zum Informationszugang, doch der vielfältige Gebrauch dieser Freiheiten erzeuge umso vielfältigere Resultate. Gerade weil sich die Welt immer mehr vernetze, wachse der menschliche Bedarf an Selbstbestimmung und Autonomie. Dies bilde sich in der Entwicklung zu einer zunehmend pluralistischen Staatenlandschaft und in der wachsenden Föderalisierung ab. Heutzutage gibt es eine um ein Vielfaches höhere Zahl souveräner Staaten als vor 100 oder 200 Jahren. Zudem sind die verbliebenen Grossflächenstaaten grösstenteils föderalistisch strukturiert. Die Europäische Union und ihre Integrationsbemühungen wirkten vor diesem Hintergrund eher anachronistisch, wie ein vergebliches Aufbäumen gegen eine unvermeidbare Entwicklung zur Pluralisierung. Jene, die auf nationale Selbstbestimmung pochten, seien also nicht von vorgestern, im Gegenteil: Die Rückwärtsgewandten und die Zukunftsscheuen seien eher jene, die die Bemühungen nach Pluralität und Autonomie mit allen Mitteln zu unterbinden versuchten.

Der Text ist hier als PDF erhältlich:

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BOOK
Kleinstaat Schweiz – Auslauf- oder Erfolgsmodell?  (NZZ Libro)