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Wir brauchen Hofnarren gegen die mentale Abschottung

(Nzz.ch, 23.08.2022)

Macht führt selbst bei bescheidenen und selbstkritischen Menschen mit der Zeit zu Abgehobenheit und Rechthaberei. Eine moderne Art von Hofnarren könnte in der Politik, den Unternehmen und der Gesellschaft für weniger Isolation und Realitätsverlust sowie für mehr Ehrlichkeit und Respekt auch für andere Meinungen sorgen.

Gerhard Schwarz

Dank Autokraten wie Wladimir Putin sieht man, was die Demokratie für Vorteile bringt.

Es gibt zu viele starke Männer. Das ist keine genderbewegte Feststellung. Sie gilt den vielen Autokraten und Fast-Autokraten, die «ihren» Ländern und der Welt Menschenrechtsverstösse, Drohungen und Kriege bescheren, sich an der Macht berauschen und Mass und Moral verlieren (sofern sie Letztere je hatten). Möglich ist das, weil die jeweiligen politischen Systeme es zulassen. Trotzdem begegne ich oft Menschen, bei denen dieses Machtgebaren Zweifel am Sinn und an der Funktionstüchtigkeit der Demokratie weckt.

Gewiss: In Kriegen und Krisen fehlt es Demokratien, erst recht einer halbdirekten Demokratie wie der Schweiz, gelegentlich an Führungskraft. Aber gleichzeitig zeigen die Putins dieser Welt, was wir an den Demokratien mit ihrer gegenseitigen Kontrolle von Legislative, Judikative und Exekutive haben. Man muss, ja kann Autokratien nicht mit ihren eigenen Waffen schlagen, sondern muss auf die Stärken der Demokratie setzen.

Schonungslose Kritik an den Amtsinhabern

Weil aber Machtinhaber selbst in Demokratien oft abheben, sollte man diese in einem Punkt noch weiterentwickeln. Man sollte in neuer Form wieder so etwas wie Hofnarren einführen, Personen und Institutionen, die unangenehme Wahrheiten und schonungslose Kritik an den Amtsinhabern äussern können, ja müssen, ohne dass sie Nachteile erwarten oder gar um Leib und Leben bangen müssen. Hofnarren durften Dinge sagen, die normale Höflinge die Stellung oder sogar Kopf und Kragen gekostet hätten.

Moderne Hofnarren sollten ebenfalls mehr sagen dürfen als etwa heute eine kritische Presse. Der politische Betrieb, weniger die Judikative, neigt nämlich auch in der Demokratie, jedenfalls der parlamentarischen, zu Realitätsverlust. Kanzlerinnen und Premierminister werden abgeschirmt, hören zu selten Kritik, werden arrogant, meinen, sie verfügten über die Wahrheit, nur weil sie eine Mehrheit haben, werden lern- und beratungsresistent, nehmen die Welt durch einen Filter wahr. Das Resultat sind Politiker wie Johnson, Kurz, Macron, Trump und so weiter.

Absolute Macht – absolute Überheblichkeit

Mindestens so sehr wie in der Politik wären in den Unternehmen Hofnarren und Narrenfreiheit sinnvoll. In Abwandlung von Lord Actons Spruch über Macht und Korruption könnte man sagen, Macht führe zu Überheblichkeit, absolute Macht führe zu absoluter Überheblichkeit. Die Finanzwelt wäre vor einigen gravierenden Fehlentwicklungen und Desastern bewahrt geblieben, wenn den (zu) vielen abgehobenen, überambitionierten und masslosen Managern rechtzeitig immer wieder der Spiegel vorgehalten worden wäre, nicht von aussen, durch die Medien, die sich gerne in dieser Rolle sehen, sondern von innen, von mit der Sache vertrauten, kompetenten und vor allem ehrlichen Querdenkern.

Sogar bescheidene und geerdete Menschen umgeben sich, einmal an der Macht, gerne mit Bewunderern, Ja-Sagern und Opportunisten, isolieren sich und bewegen sich in Blasen, darin nicht unähnlich jenen, die im Netz und auch sonst nur noch mit Gleichgesinnten kommunizieren und nur noch diesen glauben. Hofnarren würden in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Blasen aufstechen, zum Dialog anregen und den Realitätssinn fördern.

Gerhard Schwarz war Leiter der Wirtschaftsredaktion der NZZ und ist Präsident der Progress Foundation.


Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/wir-brauchen-hofnarren-gegen-die-mentale-abschottung-ld.1699110

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