Schein und Sein beim Klimawandel

(NZZ – WIRTSCHAFT – Mittwoch, 1. Oktober 2008, Nr. 229, Seite 25)

Tatsachen und Meinungen zu einem hitzig debattierten Thema

Skeptiker und Warner haben es beim Thema Klimawandel nicht leicht, denn angesichts der zeitlich grossen Dimensionen sind verlässliche Prognosen äusserst heikel. Wie riesig die Unklarheiten sind, zeigte sich an einer Veranstaltung der Progress Foundation in Zürich.

gvm. An der 27. Austragung der Economic Conference der Progress Foundation am Dienstagabend in Zürich kreuzten zwei namhafte Persönlichkeiten ihre Klingen zum Thema Klimawandel. Der Generalsekretär des Club of Rome, Martin Lees, und der Evolutionsbiologe und Ökologe Joseph H. Reichholf waren sich in ihrem Bestreben um eine gesunde Umwelt einig. Über die Art und Weise, wie auf die Herausforderungen zu reagieren sei, herrschten jedoch deutlich unterschiedliche Meinungen vor.

Ein verletzlicher Planet

Das Referat von Martin Lees versuchte Antworten auf die Frage zu finden, was vorzukehren sei, um angesichts des verletzlichen Planeten einen beständigen Fortschritt der Menschheit zu sichern. Über Jahre hinweg hätten wir unsere Umwelt für Geld zerstört, sagte der Schotte selbstkritisch. Was mit einer Debatte über die Wirkung des Klimawandels begonnen habe, sei nun eine Risikoabwägung geworden, bei der die Zukunft unserer Zivilisation auf dem Spiel stehe.

Umfassend und detailliert machte Lees in seinen Ausführungen eine Auslegeordnung der Erkenntnisse der Wissenschaft zum Klimawandel. Diese zeigen tatsächlich beunruhigende Entwicklungen, die nach Ansicht des unter anderem die chinesische Regierung in Klimafragen beratenden Lees rasches Handeln erforderten. Angesichts der erschreckenden Trends sei es nicht nur angebracht, sondern auch klug, auf eine kohlendioxidarme Gesellschaft hinzuarbeiten.

Globale Erwärmung?

Der «fächerübergreifende Querdenker» Reichholf befasst sich mit dem Klimawandel schon seit langem. Seine Kritik setzt vor allem bei der (medial geschürten) «Klimahysterie» an und der aus seiner Sicht mangelhaften Verlässlichkeit der Daten, auf denen die Prognosen über Klimaveränderungen basieren. Es sei fraglich, ob sich dieWelt in einem idealen Zustand befunden habe, als ihr vor gut 100 Jahren mit mehr oder weniger verlässlichen Messdaten der Puls gefühlt wurde. Die Berechnungen des renommierten IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) begännen genau am Ende der sogenannten kleinen Eiszeit. Fälschlicherweise würden zudem extreme Witterungsverhältnisse mit Klimawandel in Verbindung gebracht. Die Temperatur sei nur einer der klimabestimmenden Faktoren, Veränderungen der Niederschlagsmengen hätten sehr viel grössere Effekte, meinte Reichholf.Ausserdem seien – in historischer Betrachtung – wärmere Phasen immer auch gute Zeiten gewesen für die Menschheit.

Regressionspflichtige Prognosen

Im Weiteren müsse man sich bewusst sein, dass das Klima nie stabil gewesen sei und es auch nie sein werde. Wer sich gleichwohl Sorgen um die Umwelt mache, müsse beim Methangas ansetzen, das grösstenteils von den riesigen Viehbeständen erzeugt werde. Auch die Vernichtung der Biodiversität betrachtet der bayrische Wissenschafter als eine ernst zu nehmende Gefahr für die Menschheit. Doch die sei sehr anpassungsfähig. Deshalb würde er direkte Schutzmassnahmen und Anpassungen bevorzugen, falls es der Klimawandel erfordere. Und die gängigen Prognosen zum Klimawandel würde er gerne einer Regressionspflicht unterstellen.

NZZ 1. Oktober 2008, Seite 25

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