Die Schweiz für die ganze Welt

(NZZ – REFLEXE – Dienstag, 24. April 2018, Seite 36)

Debatte um Zuwanderung

Gerald Hosp · Warum ist die Schweizer Bevölkerung für die Personenfreizügigkeit zwischen den Schweizer Kantonen, während die Personenfreizügigkeit innerhalb der EU (und zwischen der Schweiz und der EU) umstritten ist? Gleichzeitig setzen sich selbst die grössten Befürworter der Personenfreizügigkeit mit der EU nicht für offene Grenzen für Arbeitskräfte aus afrikanischen oder asiatischen Staaten oder aus der ganzen Welt ein. Wie ist das zu verstehen? Diese Frage stellte sich Reiner Eichenberger, Ökonomieprofessor an der Universität Freiburg, an einer Veranstaltung der Progress Foundation.

Dass der quirlige Akademiker auch eine Antwort auf die selbst gestellte Frage hat, ist wenig verwunderlich: Es kommt auf die Symmetrie an. Wenn die Zuwanderung nicht nur eine Richtung kennt, wird Migration eher akzeptiert. Der Schlüssel zu gleichen Zu- und Abwanderungsströmen liegt laut Eichenberger in einer ähnlichen Leistungsfähigkeit der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Institutionen. Aus einem ökonomischen Gleichgewichtsgedanken heraus gleichen sich bei offenen Grenzen die Niveaus zweier Länder an. Dabei gibt es zwei Wege: Das eine Land senkt das Niveau, oder das andere hebt es.

Eine Schlussfolgerung daraus ist, mitzuhelfen, die Lebensqualität anderswo zu erhöhen. Eichenberger stellt sich den Export Schweizer institutioneller Wertarbeit durch in Afrika verteilte freie Stadtstaaten sowie die Umwandlung von Flüchtlingslagern in solche Kleinstaaten vor; für andere ist es Anlass, die (bisher offenbar wenig wirkungsvolle) Entwicklungshilfe zu steigern. Eine Crux der Sache ist, dass sich positive Gleichgewichte nicht über Nacht einstellen. Eine Hoffnung Eichenbergers gilt es zu unterstützen: Derzeit sei die grösste Hitze in der Debatte nach der Umsetzung des Referendumsentscheids zur Personenfreizügigkeit und nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise abgekühlt. Jetzt ist die Zeit, mit klarem Kopf über Migration zu diskutieren.

NZZ 24. April, Seite 36

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