Corona: Rezessionen sind wie Epidemien, nur unkontrollierbarer

Die Konjunktur müsse als sozialpsychologischer Prozess aufgefasst werden, führt Gerhard Schwarz in seiner NZZ-Kolumne aus. Schwarz zeigt einerseits auf, welche Ähnlichkeiten zwischen Epidemien und wirtschaftlichen Rezessionen bestehen. Anderseits spricht er über die Unterschiede beider Prozesse. Rezessionen besässen eine grössere Komplexität, was wesentlich dazu beitrage, solche ökonomischen Abwärtsspiralen unkontrollierbarer zu machen als Epidemien.

Lesen Sie hier die Kolumne auf der NZZ-Website.

KOLUMNE

Rezessionen sind wie Epidemien, nur unkontrollierbarer

Eine Pandemie, bei der es direkt um Menschenleben geht, wird fälschlicherweise als viel greifbarer wahrgenommen als eine wirtschaftliche Ansteckung.

Seit Monaten hören wir von der Ausbreitung des Virus Sars-CoV-2 und der Gefahr der Ansteckung. Da lag es von Beginn weg nahe, an die Forschungen meines Doktorvaters Walter Adolf Jöhr (1910–1987) zu denken. Einer seiner wichtigsten Beiträge zur Ökonomie war das Verständnis der Konjunktur als eines sozialpsychologischen Prozesses. Danach ist der unberechenbare konjunkturelle Prozess nicht mechanistisch erfassbar, wie das die Macher unter den Politikern und Ökonomen gerne hätten, sondern entsteht und verstärkt sich durch «Ansteckung» über Stimmungen und Informationen.

Zu den Ähnlichkeiten «ökonomischer Ansteckung» mit einer Epidemie zählt, dass fast unbedeutende Handlungen oder Aussagen auch in der Konjunktur (und an den Börsen) Auslöser für weltumspannende Phänomene sein können. Damit eng verbunden ist, dass der wirtschaftliche Auf- oder Abschwung meist exponentiell verläuft; Einschätzungen, Emotionen, Fakten und Fake-News können in kürzester Zeit an Momentum gewinnen. Auch deswegen lässt sich der Verlauf des konjunkturellen Ansteckungsprozesses nur schwer vorhersehen; er kann nach kurzer Zeit überraschend wieder abflauen, wenn sich Gegenkräfte entwickeln.

Wie in der Biologie kann ferner in der Konjunktur die Ansteckung praktisch unbemerkt erfolgen; der einzelne Unternehmer ist sich selten bewusst, dass er mit seinem Investitionsentscheid eine Nachahme-Welle auslöst, und Otto Normalverbraucher realisiert kaum, welche Aussagen von Freunden, Politikern oder Medien seine Konsumlust gedämpft haben. Schliesslich kennen wir aus beiden Bereichen die Systemrelevanz; was der Medizin ihre Intensivbetten sind, deren Überlastung das Gesundheitssystem zusammenbrechen lassen kann, ist der Wirtschaft ihr Bankensektor, der am Laufen gehalten werden muss, soll es nicht zu einem totalen Kollaps kommen.

Leider ist die ökonomische Ansteckung aber komplexer als eine Epidemie. Ein Unterschied liegt, erstens, im Fehlen einer zahlenmässigen Begrenzung. Wenn die Durchseuchung in einem Land vollständig ist, können nicht mehr Menschen angesteckt werden. Bei konjunkturellen Überhitzungen oder «Blasen» weiss man dagegen nie, wo der Wendepunkt liegt. So können die Menschen über die Aufnahme von Krediten die Überhitzung immer weiter steigern. Analoges gilt für Abwärtsspiralen.

Zweitens erfolgt die wirtschaftliche Ansteckung nicht nur über «greifbare» Kanäle wie Beteiligungen oder Kreditvergaben, sondern auch über psychologische Transmissionsriemen, etwa über verlorenes Vertrauen oder eine beschädigte Reputation.

Auch deswegen handelt es sich, drittens, beim Auf und Ab der Wirtschaft nicht nur um einen exponentiellen, sondern um einen sich selbst verstärkenden, kumulativen Prozess. Pessimisten, die ihr Geld horten, treiben Preise und Kurse weiter nach unten, was sie in ihren Sorgen bestätigt; zugleich werden sie durch die allgemein entstehende negative Stimmung in ihrer Haltung bestärkt. Ihr Pessimismus basiert also zum Teil, ohne dass sie es merken, auf ihrem eigenen Pessimismus. So entstehen Phasen überschiessender Zukunftsangst und, mit umgekehrten Vorzeichen, euphorische «Blasen».

Schliesslich wird, viertens, eine Pandemie, bei der es direkt um Menschenleben geht, fälschlicherweise als viel greifbarer wahrgenommen als eine wirtschaftliche Ansteckung. Genau das könnte uns auf den Kopf fallen. Wenn der Wirtschaftseinbruch, den wir bewusst produziert haben, so ansteckend ist wie Sars-CoV-2, dürfte seine Bewältigung schwieriger werden als die Bekämpfung des Virus selbst – mit gravierenden Folgen für Wohlstand, Gesundheit und Lebensqualität.

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